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Haseloff im ZEIT Interview

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"Ostdeutsche reden nicht so schnell von Krise"  lautet der Titel des Interview der Wochenzeitung "Die Zeit" mit Ministerpräsident Haseloff. Ostdeutsche sind kompromissbereiter als Westdeutsche, sagt Sachsen-Anhalts Regierungschef Haseloff im Interview – und fordert, ihre Lebensleistung endlich anzuerkennen.

ZEIT ONLINE: Herr Haseloff, Sie haben vor Kurzem in einem Interview gesagt, ostdeutsche Frauen sind besser. Haben Sie das ernst gemeint?
Reiner Haseloff: Das habe ich so gar nicht gesagt. Die Frage war, was ich an Ostdeutschland schätze. Meine Antwort war: die ostdeutschen Frauen, weil sie sich in bewegten und harten Zeiten durchgesetzt und behauptet haben.

ZEIT ONLINE: Haben westdeutsche Frauen darauf reagiert?
Haseloff: Es gab einige, wenn auch nicht viele Reaktionen. Allen gemein war, dass ich nicht verstanden wurde. Die Fähigkeit der ostdeutschen Frauen, in Mangelwirtschaft, Diktatur oder auch in der Wirtschaftskrise zu überleben, müssen auch Westdeutsche endlich als gesamtdeutsche Lebenserfahrung anerkennen. Das geschieht bisher nicht ausreichend.

ZEIT ONLINE: Abgesehen davon, dass Westdeutsche Antworten anders verstehen, worin unterscheiden sich Ost- und Westdeutsche heute noch?
Haseloff: Ostdeutsche schätzen die Vielfalt der heutigen Gesellschaft stärker. Wir können uns immer noch über die uneingeschränkte Reisemöglichkeiten oder die Obstmärkte mit ihren exotischen Früchten aus aller Welt freuen. Wir sind noch immer dankbar über die Vielzahl an Optionen, die uns das Leben seit dem Mauerfall bietet und halten das nicht für selbstverständlich. Wir sprechen noch lange nicht von Krise, wenn für andere schon die Welt zusammengebrochen ist.

ZEIT ONLINE: Stichwort Identität: Als was fühlen Sie sich persönlich, als Deutscher, als Ostdeutscher oder Sachsen-Anhalter?
Haseloff: Grundsätzlich als Deutscher. In meinem Leben hatte ich schon immer den weiten Blick in die Welt, etwa über Kontakte meiner Kirchgemeinde nach Westdeutschland oder durch Gäste aus Afrika.

ZEIT ONLINE: Man hat oft den Eindruck, regionale Identitäten sind im Westen viel ausgeprägter als im Osten. "Wir Bayern", "wir Rheinländer" – warum gibt es so etwas nicht im Osten?
Haseloff: In meinem Bundesland steigt die Identifikation mit der Heimatregion: Mehr als zwei Drittel der bis 25-Jährigen identifizieren sich mit Sachsen-Anhalt. Sie sind stolz darauf, dass hier die Wiege der Deutschen Nation steht – mit Kaiser Otto dem I., der im Magdeburger Dom begraben liegt.

ZEIT ONLINE: Dennoch stellen Forscher eine starke Ost-Identität fest, die keineswegs schwächer wird, sondern von Generation zu Generation weitergegeben wird. In Ihrem Land etwa freuen sich nur 77 Prozent der Menschen rückblickend über den Mauerfall ...
Haseloff: ... dazu passt, dass 23 Prozent in Sachsen-Anhalt links wählen.

ZEIT ONLINE: Wie kann die Politik diesem rückwärtsgewandten Denken begegnen?
Haseloff: Viele Ostdeutsche fühlen sich bis heute benachteiligt: durch schlechte Wettbewerbsbedingungen der Unternehmen oder weil ihnen vor der Einheit die Chance auf höhere Ausbildungsabschlüsse fehlte. Viele sind heute in einer tragischen Situation, so dass ich des öfteren gefragt werde, wofür wir 1989 auf die Straße gegangen sind. Diese Enttäuschung wirkt sich im Denken aus. Verschwinden wird das erst mit einer Angleichung der Lebensverhältnisse in Ost und West.

ZEIT ONLINE: Aber ist nicht auch die Ost-Identität also solche ein Hindernis beim Zusammenwachsen von Ost und West?
Haseloff: Die Ostdeutschen stellen ja keine eigene landsmannschaftliche Gruppenstruktur dar, die sich gemeinsam gegen die Wessis in Stellung bringt. Ihr besonderes Problembewusstsein ruft nur zuweilen einheitliche, gemeinsame Reaktionen hervor. Ihr Gerechtigkeitsempfinden verlangt zum Beispiel nach einem Rentensystem, in dem Ost- und Westdeutsche gleich sind. Vertreter der westdeutschen Politik versuchen, die derzeit geltende Aufwertung der Ost-Arbeitsjahre zu kippen. Wir wehren diese Debatte ab, weil die Menschen hier angesichts der Lohnentwicklung so ein weiteres Mal benachteiligt wären. Wenn wir da nicht gegenhalten, werden wir abgewählt – sogar im eigenen Land.

ZEIT ONLINE: Als ungerecht empfinden viele auch, dass es in deutschen Unternehmen so wenige ostdeutsche Führungskräfte gibt. Warum ist das so?
Haseloff: Was sich an DDR-Unternehmen nach der Wende privatisieren ließ, ist nahezu ausnahmslos in westdeutsche Hand gekommen. Im Osten fehlten damals weitestgehend Kapital, aber eben auch für die Marktwirtschaft erforderlich Ausgebildete, etwa Volks- und Betriebswirtschaftler.

ZEIT ONLINE: Aber seitdem sind 20 Jahre vergangen ...
Haseloff: Die damaligen Umstände bestimmen die Führungsstrukturen bis heute. Erst in den kommenden Jahren wird es – altersbedingt – in den Führungsetagen einen Personalwechsel geben.

ZEIT ONLINE: Viele Ostdeutsche sehen Umfragen zufolge Ungerechtigkeiten in Deutschland durch die Marktwirtschaft bedingt. In Westdeutschland ist das anders: Da wird die soziale Marktwirtschaft gerade als Garant von Gerechtigkeit gesehen.
Haseloff: Dazu nur ein Beispiel: In Sachsen-Anhalt arbeiten die Menschen pro Jahr über lange Zeit dreieinhalb, nach der jüngsten Statistik immer noch etwa zwei Wochen länger als in Nordrhein-Westfalen – für weniger Geld. Und mit diesen Bedingungen vergleichen Ostdeutsche ihre Lage. Sie schauen nicht nur auf das bereits Erreichte.

ZEIT ONLINE: Haben Ost- und Westdeutsche ein unterschiedliches Verständnis von Gerechtigkeit?
Haseloff: Im sozialistischen Verständnis war Gerechtigkeit Gleichmacherei: Der Diplomphysiker verdiente nach fünf Jahren Studium genauso viel wie der Fahrer in seinem Institut. Das ist heute nicht mehr erstrebenswert. Dennoch müssen sich die Gewerkschaften fragen lassen, warum sie Tarifverträge mit Ost-West-Differenzierung überhaupt noch unterschreiben. Denn so schaffen sie Ungerechtigkeit.

ZEIT ONLINE: Berücksichtigen die Gewerkschaften zu wenig die Interessen im Osten?
Haseloff: Ein Beispiel: Die IG Metall lässt in ihrem gemeinsamen Bezirk Niedersachsen/Sachsen-Anhalt zu, dass die gewerkschaftlich hoch organisierten und verhandlungsstarken VW-Arbeiter im Westen jedes Jahr einen Aufschlag erhalten. Dabei ist der gar nicht zu erwirtschaften. Die Zulieferer aus Sachsen-Anhalt müssen dies dann kompensieren – unter Kostendruck, durch mehr Arbeitszeit und weniger Lohnzuwachs.

ZEIT ONLINE: Wie wirken sich solche Ungerechtigkeiten auf das Vertrauen der Ostdeutschen in staatliche und gesellschaftliche Institutionen aus?
Haseloff: Nicht wenige beginnen, an den Grundlagen unserer Gesellschaft zu zweifeln. Viele in Ostdeutschland kritisieren deshalb die Marktwirtschaft als knallhartes Wettbewerbssystem.

ZEIT ONLINE: Was lässt sich dagegen tun?
Haseloff: Wir brauchen besser ausgebildete Menschen, die nachwachsende Generation braucht bessere Erwerbschancen. Sozial- und Christdemokraten als Volksparteien müssen gemeinsam daran arbeiten. In Sachsen-Anhalt tun wir das sehr kooperativ. CDU und SPD können das besser als Klientel- oder Regionalparteien.

ZEIT ONLINE: In Ihrem Bundesland wächst die Wirtschaft stark, beim Einkommen und der Beschäftigungsquote aber schaffen Sie es nur auf Rang drei hinter Sachsen und Thüringen. Nervt das, ständig mit Sachsen verglich zu werden?
Haseloff: Das sind Klischees, die auf den Statistiken der neunziger Jahre fußen. Unser Inlandsprodukt pro Erwerbstätigen ist mittlerweile höher als das von Thüringen. Diese Schlusslicht-Vergleiche immer wieder hören zu müssen, nervt in der Tat.

ZEIT ONLINE: Nervt Sie auch der Streit der Parteien im Westen? Funktioniert Politikvermittlung im Osten anders?
Haseloff: In Ostdeutschland spielt der Konsens eine größere Rolle als im Westen. Das ist keine falsche Harmoniesucht, sondern ein anderer Weg, zu Ergebnissen zu kommen – bedingt durch die Biografien der Menschen und ihre Lebenserfahrung. Wir neigen vor allem dann zu Kompromissen, wenn es nicht ums Existenzielle geht. Wenn wir wirklich streiten, dann um das ganze Schnitzel, nicht um das Sahnehäubchen.

© Dr. Reiner Haseloff 2012